Es ist ein wunderschönes Gefühl, in der herrlichen Gebirgswelt der Dolomiten klettern zu können – zumindest ein bisschen. Es ist aber allemal sehr anstrengend, nach einer langen Fahrt den ersten Klettersteig zu begehen, gleich neben unserem heimeligen, kleinen Hotel `Sassleng` in Canazei-Alba. Wohl mit der Seilbahn, dann aber 600 hm durch die Via Ferrata dei Finanzieri auf den 2715 m hohen Colac, kurze Pause auf dem Gipfel, schneller Abstieg, um noch die Seilbahn ins Tal zu bekommen. Ein Menue vom Feinsten entschädigt dann aber für die Müdigkeit und die Mühen des Tages.

Nach Regen und Gewitter in der Nacht geht es für uns vier am nächsten Tag hoch zum Lago di Fedaia auf 2054 m mit einem einstündigen Aufstieg zum Ausgangspunkt der Via Ferrata delle Trincee, einem sehr schwierigen und luftigen Klettersteig mit sehr kräfteraubendem Einstieg in einer nahezu senkrechten Wand. Der Blick rüber zur vergletscherten Marmolada entschädigt reichlich, das weitere ständige Auf und Ab fordert aber weiter die volle Aufmerksamkeit. Wir sind begeistert. Nach der Hälfte der Strecke ist mit der Überschreitung der Mesola ( 2727 m ) das Gröbste geschafft. Danach erinnern zahlreiche Stellungen, Gebäudereste und lange Tunnelanlagen an den grausamen Stellungskrieg zwischen Österreich-Ungarn und dem Königreich Italien von 1915 – 1918. Antiker Stacheldraht und ein monströses Geschütz runden den Geschichtsunterricht ab. Ein sehr langer Tag, auch geschuldet dem Suchen nach dem richtigen Weg. Dann doch die Belohnung im Rifugio Padon vor dem langen Wiesenabstieg zum Auto am Fedaia-See. Wieder geht ein traumhafter Tag zu Ende. Ein Mordsgewitter in der Nacht, Starkregen und beim Frühstück noch immer Nieselregen, bringen unseren Plan, den Pößnecker-Klettersteig zu begehen, ins Wanken. Schwierige Weg-suche und nasses, glitschiges Gestein bringen uns davon ab, und wir fahren weiter zum Pisciadu – Klettersteig, der etwas weniger schwierig ist, aber genauso anregend. Beliebt ist er auch, was wir durch längere Wartezeiten am eigenen Leib erfahren durften. Belohnung für unsere Geduld in der Pisciadu-Hütte nach 3 Stunden Kletterei ( 1 ½ h sind normal ) mit einer deftigen Speckknödelsuppe. Anregend auch der klettersteigähnliche Abstieg zum Parkplatz an der Straße nach Kollfuschg. Der 4. Und letzte Tag sollte auch noch genutzt werden am Boeseekofel, ein kurzer, aber knackiger Klettersteig über Corvara sollte es sein. Aber auch hier wieder kurze Regenschauer, bedeckter Himmel und keine guten Aussichten. So haben wir uns als gute Schwaben dazu entschlossen, das Fahrgeld auf Grund des Wetterrisikos zur Benutzung der notwendigen Seilbahnfahrt zu sparen und die Heimreise anzutreten. Spannend die Fahrt, denn wir mußten immer wieder neue Wege, z.B. über das Hahntennjoch, suchen, um die Staus zu umgehen. So kamen immerhin 9 Stunden Fahrzeit zusammen. Wir kamen müde, fast erschöpft, jedoch überglücklich über die gelungene Klettersteigausfahrt in der Heimat an, im Wissen, daß es noch viele Klettersteige zu erobern gilt.

Karl Ostermann